|
Seite 1 | Seite 2
Die Vermittlung der "Gegensätze" - besser der Korrespondenzen - zwischen
Bauhaus der 90er und CNU erfolgt über eine Bezugsbasis: die Charta des
CNU (1993) und die "kongenialen" Thesen der Werkstatt des Bauhauses von 1990 (Anlage):
Drei Stufen der inhaltlichen Kooperation
1. Vorstufe: New Housing in an industrial Village - eine spontane Annäherung und erste Brückenschläge
Beginn der Kooperation: 1992, Charrette Vockerode
Basis:
a) Langzeitvorhaben des Bauhauses Industrielles Gartenreich (vgl. Stadtbauwelt 110/1991,
Thesen der Werkstatt von 1990)
b) Lehrprogramm Town- and Suburbiadesign an der School of Architecture,
Methode des Charrette, Prinzipien des späteren New Urbanism (ab 1993 in der Charta gefasst)
Inhaltliche Grundlagen: städtebauliche Weiterentwicklung des Bestandes, Verhindern
der Zersiedlung durch bau anspruchsvoller Wohnbereiche im Siedlungsbereich,
Integration kultgeschichtlicher Gegebenheiten als Grundlage für die Gestaltung
einer zukunftsorientierten Region nach dem Ende des Zeitalters der alten Industrie
Projekt: Industriedorf Vockerode im historischen Gartenreich -
Symbolort des Industriellen Gartenreichs (lokaler Ansatz)
Ohne die Diskussion um die Gründung des Congress for the New Urbanism
und die in den USA bereits im Entstehen begriffene Charta des N.U.,
deren wesentliche Koautoren an der Universität Miami wirkten explizit
in das Charrette einzubeziehen, schwangen diese Ansätze bei der Entwurfsarbeit
mit - sie korrespondierten zwanglos mit den inhaltlichen Prinzipien des
Industriellen Gartenreiches - ohne die architektonische Gestaltung der
Bebauungsvorschläge in ein Zwangsbett zu pressen ("moderne Bauhaus-Architektur"),
gelang ein städtebaulicher Ansatz für die Entwicklung dieses Prototyps
für den Umbau einer Industriegemeinde in der denkmalgeschützten Naturnahen
Landschaft zu einem attraktiven Wohn-, kultur- und Arbeitsort, der
gestalterische Innovation in die Region trägt, diese aber sehr verträglich
integriert und doch eine erkennbare Neuerung einfügt - ganz im "Geiste" des
aufgeklärten Regenten und Modernisierers Fürst Franz vor 200 Jahren.
Der Bebauungsplan enthält alle Kriterien, die dann später in der Charta
des N. U. Eingang fanden: Er stellt ein Lehrstück des N.U. dar! Für die
Entwicklung des Projektes Vockerode im Industriellen Gartenreich hatten
die Ergebnisse nur mittelbare Wirkung, es folgten keine direkten Maßnahmen.
2. Ausgestaltung: Reconvention
of an old industrial Area in the sense of CNU-Charta - erste Wirkungen
Weiterführung der Kooperation 1995: Charrette Bitterfeld
Basis und inhaltliche Grundlagen: siehe unter 1.
Projekt: Umbau des Areals Süd im Industriepark Bitterfeld-Wolfen zu
einem urbanen Wohn- und Wirtschaftsbereich, der die existierenden Städte
Bitterfeld und Wolfen zusammenführt (regionaler Ansatz mit Schwerpunkt
Umgestaltung alter Industrieareale)
Im Zentrum des Charretts stand der südliche Teil des Chemieparks Bitterfeld
mit den Gestaltungskernen Torbogenstrasse (ehem. Kraftwerk Süd), Verbindung
zu den nördlichen Arealen (mit dem Gebiet des ehem. Wohnhauses von W. Rathenau)
sowie die Umgestaltung der Brachen im Chemiepark zu Mischgebieten.
Die im Jahre 1993 verabschiedete Charta des N.U. spielte direkt auch diesmal
noch keine Rolle. Die Aufgabenstellung wich von den sonst üblichen Aufgaben an
der Universität, Wohnungsbau, Siedlungsentwicklung und Innenstadterneuerung
deutlich ab. Der Gegenstand war nicht für die Studenten neu. Der Umbau
altindustrieller Gebiete ist auch in der Charta des CNU von untergeordneter
Bedeutung. Um so bemerkenswerter ist das Ergebnis: der Masterplan stellt
eine Synthese der Vorstellungen für den langfristigen Umbau des monostrukturellen
Gebietes zu einem urbanen Mischgebiet als "Naht" zwischen den existierenden
Städten dar. Die Idee eines "Filmparks", eines Landschaftsgartens
(Landschaftsstreifens), der wie eine Perlenkette (im Charta - Sprachgebrauch "Korridor")
die einzelnen Teile verwebt, gehört zu den Ansätzen, die die weitere
Diskussion prägten. Aber auch die Vorstellungen für ein "Zukunftsmuseum"
in der Torbogenstrasse ("Venedig in Bitterfeld") erregten Aufmerksamkeit,
stellten sie doch innovative Interpretationen der Bestandsentwicklung
für Industrieobjekte dar.
Entscheidend war jedoch die Wirkung des Masterplanes insgesamt:
Er bildete die Grundlage für die von den Kommunen und dem Landkreis
eingerichtete Planungswerkstatt, die vom Bauhaus moderiert wurde, und
die 1996 einen umfassenden Masterplan für das gesamte gebiet entwickelte.
Dieser erhielt 1998 den europäischen Planerpreis. In ihm sind Prinzipien
in einer regionalen Charta (Code) niedergelegt und von den Städten
beschlossen worden, wie sie die CNU Charta formulieren, ohne dass sie
explizit darauf verweisen. Die Korrespondenz der planerischen Instrumente
und der Methode wird ersichtlich: Planungswerkstatt - Charrette,
Masterplan, Regelwerk - Code.
3. Verflechtung: Redevelopment of the suburban Region
Weiterführung und Ausbau der Kooperation 1998 mit der Beteiligung am
neu gegründeten Bauhaus-Kolleg durch die School of Architecture, Teilnahme
am CNU - Kongress in Denver (1998, Aufnahme kontinuierlicher,
institutionalisierter Kontakte zum CNU, weitere Teilnahme an den
Kongressen in Milwaukee und Portland), Übersetzung der Charta ins
Deutsche und erste wissenschaftliche Publikationen in Deutschland
zum CNU (Die Alte Stadt 4/98 und Stadtbauwelt 12/2000) sowie Beteiligung
am ersten CNU - Awards - Programm 2000/2001
Basis: Erweiterung der inhaltlichen Grundlagen und der Auseinandersetzung
um die "Kultur der Bewegungen" in Städtebau und Regionalentwicklung nach dem
CNU- Kongress in Denver (erstmals Präsentation des Industriellen Gartenreichs in den USA)
Projekt: "Beyond the Sprawl" Redevelopment of the whole suburban district
of Bitterfeld-Wolfen - mit den Teilen
- Erneuerung der Industriebrache Filmfabrik Wolfen,
- Umbau von zentrumsnahem Wohnbaubrachen,
- Reurbanisierung des peripheren Plattenbau-Großsiedlung und
- Erschließung einer Bergbaubrache für eine innenstadtnahe Nachbarschaftssiedlung.
Mit der Aufgabe, Beiträge zur Umgestaltung des "Sprawl" zu leisten,
wurde ein weiterer schritt in der Verflechtung der gestalterischen Zielstellungen
beider Institutionen vorgenommen. Obgleich die Suburbanisierung in Deutschland
nicht deren Grad in den USA erreicht hat und auch sozial nicht direkt
vergleichbar ist, ist gerade die im radikalen industriellen Umbruch befindliche,
sich stark fragmentierende Industrielandschaft durch besonders rasante
Zersiedlung gekennzeichnet. Die Typologie der Gestaltungsaufgaben (und
der beabsichtigten Vernetzung der einzelnen Aufgabenbereiche) entstand
unter Bezugnahme auf die CNU - Charta und die inzwischen erfolgte
Ausdifferenzierung des Industriellen Gartenreiches in Einzelprojekten
wie dem Masterplan von 1996 und deren Umsetzung im Kontext der EXPO 2000
sowie der inhaltlicher Vertiefung der ursprünglichen Thesen (vgl. Buch
Industrielles Gartenreich, Dessau 1996).
Die Beiträge des Kollegs (nicht nur der USA-Beiträge, sondern auch
derer von Universitäten aus Brasilien, München und Berlin) führten in
der Teil-Region Bitterfeld- Wolfen zur Formulierung des Ansatzes: Gründung
einer neuen Stadt aus den bisherigen Teilen (nicht nur kommunaler
Zusammenschluss, sondern qualitative Integration als Reurbanisierung).
Dieser Prozess hält noch an und wird systematisch von den lokalen Akteuren weiterverfolgt.
Mit der Neuorientierung des Bauhauses ab 1999 mit der Aufkündigung
der internationalen Kooperation entlang der bisherigen Projekte und
der übergreifenden urbanistischen Themen (Industrielles Gartenreich
und Suburbanisierung) fand dieser Entwicklungsprozess ein abruptes
institutionelles Ende an Bauhaus. Der Diskurs wurde jedoch in neuen
Trägerschaften weitergeführt - allerdings in einer zunächst weniger
umfangreichen Art. (Anlage 2)
In Vorbereitung auf den CNU-Award 2000 wurde der nächste Schritt zur
räumlichen Gesamtvernetzung der Einzelprojekte und Teilbereichsplanungen
im REGIONAL-PLAN Industrielles Gartenreich "Between History and Future"
unter der Gestaltungsmaxime regionaler Garten vollzogen. Dieser Plan stellt
eine Collage der Erneuerungsprojekte, deren kulturhistorischen Grundlagen
und räumlich-gestalterischen Verbindungen entlang von Korridoren, Pfaden
und Netzwerken dar. Er ist Ausdruck einer Anwendung wie einer spezifischen
Interpretation der CNU-Charta. Er schließt auch die kritische Reflektion
ein, die insbesondere im Zuge der Übersetzung und Diskussion der Charta
stattgefunden hatte, wie z. B. Fragen der gated community, des
überproportionalen Neubauanteils gegenüber der Erneuerung, der geringen
Anteile von Konversion altindustrieller Areale ("Brownfields") oder
architektonischer Qualitäten.
|