Harald Kegler
Die
Wiederbelebung einer alten Landschaftsidee:
das
Industrielle Gartenreich Dessau-Wittenberg-Bitterfeld
Bewertungen von Landschaften, von Städtebau und Architektur sind
stets kulturellen Schwankungen in der Öffentlichkeit, d. h. von
sich wandelnden Wertschätzungen in der Gesellschaft unterworfen
gewesen – was heute im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, hat vor
gar nicht allzu langer ohne jede Beachtung abseits gestanden.
Dies hat fundamentale Bedeutung für den Umgang mit dem baulichen
und landschaftlichen Bestand, wird dieser doch zunehmend zur
hauptsächlichen Aufgabe des Bauens und Gestaltens. Das Projekt
Industrielles Gartenreich ist im Zentrum einer solchen Debatte
angesiedelt gewesen, ja es setzte auf eine kulturelle Strategie
der Neubewertung von Landschaften als Grundlage für die
Gestaltung einer Region.
Die
Entstehung des Projektes Industriellen Gartenreich führt in die
Transformation der ostdeutschen Region in Mitteldeutschland und
in die Suche nach zukunftsfähigen Konzeptionen ein: Die Idee
wurde am Bauhaus Dessau 1989 geboren, hier entstanden die ersten
Einzelprojekte, wie in Ferropolis, Piesteritz, Bitterfeld, in
der Bergbaulandschaft oder im Bereich des historischen
Gartenreichs. Es wurden erste Institutionen angeregt und
Umsetzungsstrukturen auf den Weg gebracht. Im Jahre 1994 wurde
das Vorhaben als Korrespondenzstandort zur EXPO 2000 anerkannt
und 1995 eine Entwicklungsgesellschaft eigens zum Zwecke der
Projektumsetzung gegründet. Im Jahr 2000 konnten die meisten
Projekte als „Leuchttürme“ der Öffentlichkeit präsentiert
werden. Nach dem Ende der EXPO traten alle Projekte in eine neue
Entwicklungsphase ein. Sie hatten und haben sich ökonomisch und
kulturell zu emanzipieren. Erste neue Projekte sind im
Entstehen, wie z. B. der Stadtumbau in Gräfenhainichen/Ferropolis.
Historische
Grundlage – die Aufklärung nimmt Gestalt an
Zwischen
1764 und etwa 1800 entstand in der Auenlandschaft der Elbe im
kleinen Fürstentum Anhalt ein auf dem damaligen Kontinent
außergewöhnliches Projekt: das Gartenreich Dessau-Wörlitz. In
diesen knapp 40 Jahren wurde unter der Regentschaft des
aufgeklärten Fürsten Leopold Friedrich Franz III zusammen mit
dem kongenialen Partner und Freund, dem Architekten Friedrich
Wilhelm von Erdmannsdorff, diese Kulturlandschaft von
europäischer Dimension gestaltet. Aus den Idealen der
europäischen, insbesondere der französischen Aufklärung, aus der
Rezeption der Antike in Italien und aus den ökonomischen
Innovationen der Landwirtschaft und Frühindustrialisierung
Englands schöpfend, entstand eine künstlerisch geformte Nutz-
und Bildungslandschaft. Dessau-Wörlitz wurde zum Inbegriff für
Fortschritt und damit eine Referenz für das sich anbahnende
Zeitalter der Moderne, zu einem Mekka der Aufklärer, für
Kunstfreunde, für Philanthropen, für Landwirte, für Baumeister,
aber auch für Politiker und Staatsbedienstete. Das umfassend
angelegte gesellschaftspolitische Reformwerk des Fürsten zog
Interessierte aller Couleur an, die den Aufbruch in eine neue
Zeit in Augenschein nehmen wollten. Die klassizistische
Architektur Erdmannsdorffs und die gartenkünstlerischen Anlagen,
die der englischen Landschaftsgestaltung verpflichtet waren,
verliehen dem Reformanliegen einen spezifischen Ausdruck. Die
Wörlitzer Anlagen avancierten dabei zum Inbegriff des
Reformwerks. Sie wurden das „Allerheiligste“ in dem ab Ende der
90er Jahre des 18. Jahrhunderts als „Gartenreich“ bezeichneten
Fürstentum Anhalt.
Die Rezeption
des Gartenreichs – die Aufklärung „schlägt zurück“
Nach dem
Tod der Wegbereiter des „"Gartenreichs“, Fürst Franz (1817) und
Erdmannsdorff (1800), verfiel das Land in kulturelle Agonie, das
begonnene Werk stagnierte; es geriet in Vergessenheit. Erst um
1900 fand es wieder Aufmerksamkeit. Die Kraft der immer noch
sichtbaren Teile der einstigen „Ideallandschaft“ bewirkte die
Wiederentdeckung – jedoch nicht als produktive Wirtschafts- und
Bildungslandschaft, sondern als kontemplative Freizeitlandschaft
für den beginnenden Tourismus. Damit vollzog sich ein
Paradigmawechsel: Das Gartenreich wandelte sich von einem
innovativen Gestaltungsraum für sozialkulturelle und ökonomische
Ziele zu einem passiven Ort der restaurativen Pflege und
Erneuerung, wobei der Gesamtzusammenhang des Gartenreichs
aufgelöst wurde und vornehmlich einzelne „Parks“ Gegenstand der
Rezeption wurden. Die neuen Gestaltungen verlagerten sich in die
Entwicklungsbereiche der Industrie. Energiewirtschaft und
Chemieindustrie wurden die neuen innovativen Motoren – das
Gartenreich gerann zum Erholungsraum auf den vor der
Industrialisierung geschützten Restflächen. Eine neue
Rollenverteilung in der Region hatte begonnen.
Ab 1893
trat die Region an Mulde und Elbe in das Industriezeitalter ein:
die elektrochemischen Werke wurden in Bitterfeld errichtet;
Gründer war Walther Rathenau. Im Laufe weniger Jahrzehnte
entstand eines der modernsten Industriezentren in Europa. Das
erste Ganzmetallflugzeug der Junkerswerke in Dessau und der
erste Farbfilm der Welt, produziert in Wolfen, stammen aus der
Region. Das Bauhaus siedelte sich in dieser aufstrebenden Region
des Industriezeitalters an und prägte einen bis heute wirkenden
Ruf als Symbolort der Moderne. Die größten Kraftwerke wurden
hier errichtet und gewaltige Braunkohletagebaue entstanden –
unweit der Wörlitzer Anlagen. Eine im doppelten Sinne
atemberaubende Industrialisierung prägte der gesamten Region
ihren Stempel auf: Infrastrukturen, Siedlungen, Verkehrswege,
Halden, Gruben, Abraum und Deponien, Kaskaden von Schornsteinen
wurden zu den neuen Landmarken. Getrieben durch Kriegs- und
Planwirtschaft fand ein ökonomischer Aufstieg ohnegleichen statt
– der in einem ebenso dramatischen ökologischen Desaster endete.
Traum und Trauma der industriellen Moderne sind auf engem Raum
miteinander verwoben.
Lehren aus
der Vergangenheit – ein Zukunftsansatz
Heute ist
dies alles weitgehend Geschichte – die große Industrie ist zur
„Industriekultur“ geworden. Eine postindustrielle
Kulturlandschaft ist im Entstehen begriffen. Von einigen kleinen
industriellen Neuansiedlungen in Bitterfeld abgesehen, ist die
Region verglichen mit dem Stand vor dem zweiten Weltkrieg
deindustrialisiert. Große Teile der Industrieareale werden zu
Erholungsflächen umgestaltet, wie z. B. die ehemaligen Tagebaue.
Industriedenkmale ziehen Besucher an, die vorher Wörlitz
genossen haben. Die Industrielandschaft beginnt den gleichen Weg
wie das Gartenreich zu gehen. Wird die Industrie wie das
Gartenreich eine Museumslandschaft?
Diese
beiden miteinander verwobenen Landschaften, eigentlichen deren
Fragmente aus zwei Epochen kultureller Entwicklung, zeichnen die
Region als eine Kulturlandschaft von europäischem Rang aus –
eine Referenz der gestalteten Landschaft der Aufklärung und der
urbanisierten Industrielandschaft der Moderne. Doch ist damit
nur eine Dimension des Industriellen Gartenreichs, nämlich die
der historischen Ablagerungen benannt. Die Frage lautet nun, wie
kann auf der Basis dieses durchaus widersprüchlichen Erbes eine
„dritte Landschaft“, die aus den konstituierenden Elementen
„Industrie“ und „Garten“ besteht, d. h. eine ökonomisch wie
kulturell lebenswerte Umwelt entstehen. Wenn diese Gestaltung
der Umwelt die Erfahrungen der vergangenen 200 Jahre
verarbeitet, mit diesem Erbe respektvoll aber nicht
musealisierend umgeht und sich das Ziel steckt, erneut eine
zeitgemäße Referenz für die Gestaltung der Lebensumwelt zu
werden, dann wird Industrielles Gartenreich zugleich ein
Zukunftsprojekt. Zu lernen wäre aus dem historischen Gartenreich
der ganzheitliche Gestaltungsansatz, aber auch die Fähigkeit
kritischer Reflexion – im Weiterdenken von Aufklärung. Das
Industriezeitalter hat die Frage technologischer Lösbarkeit von
Problemen einseitig beantwortet – sie gilt es erneut und unter
dem Gesichtpunkt der Verantwortung angesichts der Folgen dieser
Einseitigkeit zu stellen. Es gilt vor allem aber das konkrete
Experiment zu wagen, nicht im akademischen Diskurs zu verharren.
Dies hat das historische Bauhaus – bezogen auf die Fragen seiner
Zeit – vorgemacht.
Auf beide
Dimensionen, d. h. die historisch reflektierende und die lernend
gestaltende, zielten die Arbeiten für das Langzeitprojekt, das
in der Wende der DDR 1989/1990 am Bauhaus Dessau konzipiert und
in der Folgezeit – zunächst bis 1999/2000 - mit vielen Akteuren
der Region und zahlreichen externen Partner schrittweise
begonnen wurde umzusetzen. Meilensteine auf diesem Wege sind die
Konstituierung als zeitweilige EXPO-Korrespondenzregion und die
Mitwirkung am Bundeswettbewerb „Regionen der Zukunft – auf dem
Wege zu einer nachhaltigen Entwicklung“ sowie zahlreiche
Einzelpreise.
Auch ohne
Bezugnahme auf den konkreten historischen Zusammenhang,
provoziert der Begriff „Industrielles Gartenreich“ eine neue
Gestaltungsvision für die Lebensumwelt in der
Industriegesellschaft. Er suggeriert den Balanceakt, den diese
Gesellschaft um deren eigener Zukunftsfähigkeit willen zu
vollführen in der Lage sein wird. Ein Gleichgewicht in der
Ressourcenhaushaltung, im sozialen Gefüge, im globalen
Nord-Süd-Verhältnis sowie im jeweiligen regionalen
Beziehungsgeflecht scheint gestaltbar zu sein. Ein Begriff
vermittelt, welcher Widersprüche zusammenführt und die Phantasie
für Ausblicke anregt, aber auch Konflikte dabei aufnehmbar
macht. Industrie und Garten – das ungleiche Paar wie es noch in
der Zeit nach der industriellen Revolution mit dem „Stadt - Land
- Gegensatz“ umschrieben war – erlebt eine zeitgemäße,
gestaltbare Chance zur Verknüpfung.
Die
postindustrielle Region – eine Konstruktion
Industrielles Gartenreich ist eine Konstruktion. Die Idee
entstand als Gestaltungsprojekt auch aus einer doppelten lokalen
Perspektive: Zum einen hatte vor 10 Jahren der gesellschaftliche
Umbruch in der „Noch-DDR“ die Chance zu grundlegender
Neuorientierung auch in der Gestaltung der durch die
Industriegesellschaft geschaffenen bzw. überformten Lebensumwelt
eröffnet. Das II. Internationale Walter Gropius Seminar vom 4.
bis 9. November 1989 bildete das Podium für die Entstehung der
Idee vom Industriellen Gartenreich. Zum zweiten gab es „vor der
Haustür“ des Bauhauses prägnante Referenzen für die Widersprüche
in der Entwicklung der modernen Industriegesellschaft und ihrer
unmittelbaren Vorläufer: das „Gartenreich Dessau-Wörlitz“ und
die industriellen Areale zwischen Bitterfeld, Dessau und
Wittenberg im früheren mitteldeutschen Industriegebiet. Gerade
Bitterfeld war zum Synonym geworden für eine Art Industrialismus,
der die Industriegesellschaft durch die ökologischen Schäden ad
absurdum führte. Dem standen die erlebbaren Reste des
Gartenreichs mit seinen kultivierten Anlagen als Refugium einer
„heilen Welt“ gegenüber. Doch nicht allein die sichtbaren
Gegensätze konstituierten das Gestaltungsprojekt. Vielmehr ging
es um die allgemeine Frage einer exemplarischen Vision für die
Umweltgestaltung im Umbruch der industriellen Gesellschaft auch
in anderen Teilen der Welt. Keine platte Harmonisierung, sondern
die Auseinandersetzung mit den Fragen nach Fruchtbarmachen
historischer „Ablagerungen“ am Ort für die Umweltgestaltung oder
nach dem Verbinden von Tradition und Moderne in der
Neuorientierung der Industriegesellschaft als eine
postindustrielle, d. h. ohne die seit 200 Jahren entstandenen
Großproduktionsstätten.
Entstehung
des Projektes
Dass dies
am Bauhaus geschah, gehört zu den immanenten
Konstitutionsmerkmalen des Industriellen Gartenreichs. Das
Bauhaus war kurz vor der „Wende“ in der DDR wiedergegründet
worden und hatte einerseits gewissermaßen begrenzte
„Narrenfreiheit“ und andererseits eine aus der eigenen
Geschichte als Promotor und Produkt von Fortschrittsvisionen der
industriellen Moderne abgeleitete Verpflichtung, neue,
zeitgemäße Beiträge zur Gestaltung der Lebensumwelt zu leisten.
Damit war ein Teil der Auseinandersetzung um die Fruchtbarkeit
der Industriekultur für die Zukunft eingefangen. Mit konkreten
Vorhaben zur „Bauhausstadt“ wurde dieses Thema angegangen. Dabei
standen die Fragen nach der Rolle des Bauhauses insbesondere zum
Stadtumbau und generell zur räumlichen Gestaltung als
Institution exemplarisch wie grundsätzlich zur Debatte.
„Bauhausstadt“ war der Auftakt des Gesamtprojektes Industrielles
Gartenreich gewesen, ist doch die Industriegesellschaft eine
primär urbane bzw. suburbane geworden. Die Zukunftsbeiträge
werden sich also insbesondere daran zu messen haben wie es
gelingt, in diesem Bereich Impulse zu setzen. Mit Stadt- und
Siedlungserneuerungsprojekten im Bestand wurden Zeichen einer
Revision stadtauflösender Ideen und Gestaltungspraktiken des
beginnenden 20. Jahrhunderts gesetzt, deren Verfechter das
historische Bauhaus gewesen ist. „Bauhaus-Stadt“ war also zuerst
eine kritische Selbstreflexion der Institution Bauhaus als
Einstieg in die neuen zeitgemäßen Gestaltungsarbeiten. Dass
diese Themen nicht nur auf die mitteldeutsche „Provinz“
beschränkt blieben sondern sich im internationalen Diskurs
bewegten, gehört zu den Selbstverständlichkeiten einer a priori
internationalen Institution wie dem Bauhaus.
Mit diesem
Projekt war jedoch erst der methodische Zugang zum Industriellen
Gartenreich eröffnet. Den Kern der Idee bildete die zeitgemäße
Interpretation des historischen Gartenreichs und der
Industriefolgelandschaft als Gestaltungsaufgabe.
Grundsätzlich geht es um eine Neuinterpretation des historischen
Gartenreiches Dessau-Wörlitz für die Gestaltung einer
zukünftigen, der postindustriellen Stadt-Landschaft – nicht um
deren platte Rekonstruktion „unter der Käseglocke“. Dabei stehen
die beiden möglichen Dimensionen der Wiederbelebung der Idee und
Praxis des historischen Gartenreiches im Zentrum: Analogie oder
Neuinterpretation. D. h., es geht um die Zielsetzung der
regionalen Entwicklung und dabei die Nutzung der
kulturhistorischen Potenziale. Eine eher eindimensionale
historisierende Interpretation des Gartenreiches, wie es die
Verleihung des Titels „Weltkulturerbe“ 2001 in den Augen vieler
Verfechter einer solchen Erbeaneignung bedeutet, also eine
konservierende und auf Rekonstruktion für touristische Aneignung
reduzierte „Wiederbelebung“ und damit beschönigenden
Wiederherstellung einer Vergangenheit, steht deutlich im
Widerspruch zu einer neuen Gestaltung der gesamten Raumes als
Teil der postindustriellen Landschaft unter zeitgemäßer
Weiterentwicklung des Reformansatzes des historischen
Gartenreichs. In dem letzteren sah und sieht sich das Projekt
Industrielle Gartenreich Dessau-Wittenberg-Bitterfeld.
Diese
Auseinandersetzung ist nicht nur auf das Beispiel
Dessau-Wittenberg-Bitterfeld beschränkt. Es ist vielmehr davon
auszugehen, dass es sich um ein Grundproblem einer Aneignung des
Erbes aus Sicht der ökonomischen Überlebensfähigkeit von
landschaftlich als „schön“ eingestuften Regionen nach dem Ende
ihrer industriellen Hoch-Zeit handelt. Die touristische
Vermarktung der vorindustriellen Hinterlassenschaften tritt in
den Vordergrund; sie wird bisweilen sogar als „Rettungsanker“
gehandelt. Das Welterbe wird zum Segensbringer stilisiert und
damit als „unantastbar“ erklärt, ja die „Order“ ausgegeben, dass
sich die Entwicklung in der Umgebung im Sinne einer Herstellung
des historischen Landschaftsbildes zu vollziehen habe.
Demgegenüber wird in dem Projekt Industrielles Gartenreich von
einem Modell der historischen Schichten und deren
Gleichberechtigung ausgegangen. Die Industriefolgelandschaft hat
dabei Mühe, sich einen ebenbürtigen Platz zu erobern als
Voraussetzung für einen ganzheitlichen Gestaltungsansatz. Es
geht also um eine gestaltende Interpretation der Vergangenheit
und die Verbindung mit konkret machbaren Einzelprojekten, die
den Umbau der gesamten Region initiieren. Der Respekt vor der
Vergangenheit und die hohen Qualitätsansprüchen folgenden
Gestaltungsarbeit wird dabei als selbstverständlich betrachtet.
Gartenreich und Industriekultur wurden gleichberechtigte Anwälte
bei der Suche nach einer neuen Zukunft – kritische „Paten“, aber
nicht nach zu eifernde „Helden“.
Diese
gestaltende Neuinterpretation begann Anfang/Mitte der 90er Jahre
auf vier mit einander verflochtenen Ebenen:
A - der
räumlichen Planung und Kommunikation (Projekte: Forum
Dessau-Wörlitzer
Gartenreich; Planungswerkstatt Bitterfeld-Wolfen)
B - der
baulichen Objekt-Gestaltung (Projekte: Piesteritzer Siedlung,
Kolonie und Kraftwerk
Zschornewitz,
Kulturpalast Bitterfeld, Drehberg im Gartenreich,
Bergbaufolgelandschaft)
C - der
vernetzenden Gestaltung in der Region (Projekte: Pfad der
industriellen Wandlung,
Flusseinzugsgebiet Mulde, Regionalbahn)
D - der
Bildung und Kulturarbeit (Projekte: Reisewerk, Schule der
Gartenkunst,
Kinderwerkstatt, Neue Arbeit)
Die
exemplarische Synthese für die zukunftsorientierte Gestaltung
der Lebensumwelt unter konsequenter Respektierung der
kulturellen Vergangenheit stellt das Projekt Ferropolis – „Die
Stadt aus Eisen“ dar.
Mit den 16
Leitprojekten wurde ein Impuls geschaffen. Allen Projekten ist
das Bestreben gemein, eine Balance zwischen Tradition und
Modernisierung unter der Maßgabe nachhaltiger Entwicklung zu
finden und ein Milieu der Bildungskultur und des Erlernens
angemessener Umgangsweisen mit dem Erbe und mit den
Anforderungen einer zukünftigen Entwicklung anzuregen.
Inzwischen hat sich das Spektrum der Projekte erweitert,
vervielfältigt und sind neue Formen der Kooperation, der
wirtschaftlichen Entwicklung und Kultur- sowie Bildungsarbeit,
aber auch der Planungsmethoden mit neuen Akteuren entstanden.
Sie bieten einerseits die Gewähr für eine Fortentwicklung der
Projekte und andererseits bilden sie die Grundlage für das
Ausprägen des Referenzcharakters der Region für nachhaltige
Entwicklung.
Über diese
auf konkrete Umsetzung zielenden Aktivitäten in der Region
erwächst der Bedarf die gewonnenen Erfahrungen zu akkumulieren,
für vergleichbare Situationen anwendungsfähig aufzubereiten, mit
europäischen bzw. internationalen Entwicklungen zu verknüpfen
und damit zu institutionalisieren. Daraus erwuchs die Idee einer
„Europäischen Akademie der Regionen“. Nach Abschluss des
Wettbewerbs „Regionen der Zukunft“ soll dieses Vorhaben
eingeleitet werden.
Entwicklung
ohne Großereignis?
Wie geht
es nach der EXPO weiter? Die EXPO 2000 hat viele Akteure in der
Region zum Mitwirken mobilisiert und für regionale Belange
sensibler gemacht. Private Investoren sahen eine Chance der
Aufmerksamkeit für deren Mitwirkung. Dies ist zweifelsohne ein
Erfolg. Das Großereignis selbst fiel in der Region eher
bescheiden aus und mobilisierte weniger als erwartet. Der
Prozess war wichtiger als das Ereignis selbst – vielleicht eine
Zukunftslehre.
Das
Kernproblem besteht gegenwärtig darin, und dabei geht es auch um
die Auseinandersetzung mit dem historischen „Vorbild“ des
Gartenreichs, dass eine heutige Gestaltung der nachindustriellen
Landschaft nicht mehr primär als Teil einer neuen Kultivierung
im Sinne der Vorbereitung für eine Verwertung der Rohstoffe, der
landwirtschaftlichen oder industriellen Erträge fungieren kann.
Das „Schöne mit dem Nützlichen“ zu verbinden galt für den
Schöpfer des Gartenreichs als letztlich zu erstrebendes Ziel.
Wenn aber heute dieses Ziel einer wirtschaftsorientierten, d. h.
auf industrielles Verwertung ausgerichteten Kultivierung nicht
mehr angestrebt werden kann, bleiben entweder die
Dauersubvention der Landschaft als Mittel, das „Schöne“ zu
schaffen oder es müssen neue Wege gesucht werden, die eine
postindustrielle Landschaft gestaltbar und lebensfähig werden
lassen.
Das
historische Gartenreich fungierte ökonomisch als eine Art
Stiftung: es entstand auf der Grundlage eines angehäuften
Vermögens; die Erträge der landwirtschaftlichen Verwertung
ermöglichten die Umsetzung eines langfristigen Gestaltungsaktes
der Landschaft. Am Ende der Lebenszeit des Schöpfers, d. h. zu
Beginn des 19. Jahrhunderts, wurden erste Konturen einer
Orientierung auf die industrielle Entwicklung nach englischem
Vorbild erkennbar. Das Ziel war folgerichtig – es wurde jedoch
erst 100 Jahre später, und dann rasant eingelöst: es entstand
das mitteldeutsche Industriegebiet auf der Grundlage von
Braunkohle, Wasser und Kalisalz. Eine - in heutiger Terminologie
gesprochen – high-tech-Region entstand: Karbochemie,
Energiewirtschaft, Luftfahrt- und Filmindustrie und industrielle
Landwirtschaft. Dieses Zeitalter ging in wenigen Jahren – in der
letzten Dekade des 20. Jahrhunderts de facto zu Ende. Es erhebt
sich die Frage, ob eine Neuinterpretation des historischen
Gartenreichs der Aufklärung, also einer Idee des Wegbereitens
der Industrialisierung, heute produktive Ansätze zu liefern
vermag für die Gestaltung einer postindustriellen
Stadt-Landschaft. Im Sinne mechanischer Übertragung sicher
nicht. Aber auch nicht im Sinne der Huldigung als Welterbe und
damit letztlich als touristischer Tageserfolg. Obgleich die
Wirkung für die Region insgesamt nicht unterschätzt werden soll
– immerhin wird damit der noch vorhandene graue Schleier über
den ostdeutschen Regionen ein wenig gehoben. Das Produktive
einer Wiederbelebung liegt im ganzheitlichen Ansatz und in der
Fähigkeit, die Herausforderungen der Zeit zu erkennen und mit
praktischen Vorhaben Wirklichkeit werden zu lassen.
Die
Sanierung der Tagebaufolgelandschaften, der ruinierten Flußauen,
der Industriebrachen und Altlastengebiete sind originäre
Staatsaufgaben im Sinne der Herstellung öffentlicher Sicherheit
sowie der infrastrukturellen Vorleistung für neue gewerbliche
Tätigkeit. Soweit ließen sich – auf die Verhältnisse nach der
Industrie – Analogien zur Ausgangssituation vor dem Beginn des
Anlegens des Gartenreiches vor 200 Jahren herstellen. Doch kann
es heute nicht darum gehen, eine neue Landschaft zu gestalten,
die dann wieder bereit ist, verwertet zu werden – diesmal
vornehmlich durch Touristen. Eine so ausgerichtete neue
Kultivierung läuft letztlich ins Leere oder in die
Dauersubventionsfalle. Es geht um die „Quadratur des Kreises“,
d. h. es geht um eine neue Kultur schlechthin, innerhalb der
existierenden kapitalistischen Verwertungsbedingungen, der
vielfältigen Abhängigkeiten und Verflechtungen in große
(globalen) Strukturen, aber auch in Bezug auf die ökologischen
Herausforderungen eines Klimawandels. Hier endet die Analogie
und beginnt die Neuinterpretation des historischen Gartenreichs
als Industrielles Gartenreich. Auch wenn es um eine
postindustrielle Landschaft der Zukunft geht, ist sie
durchdrungen vom Industriezeitalter, das ja weltweit nicht
beendet ist. Der Umgang mit dem ökologischen und sozialen Risiko
spielt eine neue Rolle. Aber auch neue Dimensionen der
Beteiligung von Menschen, unter den Bedingungen von
„Schrumpfung“ – insbesondere in den Städten - gewinnen neue
Bedeutung. Neue Finanzierungsmodelle wie Fonds und regionale
Stiftungen stehen zur Debatte. Erste Schritte in diese Richtung
sind eingeleitet.
Am
Beispiel der Bergbaufolgelandschaft-Projekte im Umfeld die Stadt
Gräfenhainichen, in Ferropolis, im Herzen des Industriellen
Gartenreichs, werden die Konturen dieser neuen Kultur erlebbar.
Ausgangspunkt ist dabei der Stadtumbau der ehemaligen
Bergarbeiterstadt Gräfenhainichen, die im Rahmen des vom
Bundesbauministerium ausgelobten Wettbewerbs „Stadtumbau-Ost“
für die Strategie einer solchen Neuinterpretation mit einem
ersten Preis ausgezeichnet wurde. Dabei geht es um eine neue
energetische Basis (nach dem Ende der Kohle) der Stadt, um eine
Kultur des öffentlichen Raumes und eine
Stadt-Beratungs-Demokratie (Charrette – Verfahren). Damit wird –
exemplarisch - ein neues Kapitel in der Weiterentwicklung der
ersten Entwicklungsphase des Industriellen Gartenreichs aus den
90er Jahren aufgeschlagen.
Vgl.:
www.dr-kegler.de
sowie
www.charrette.de
Literatur
Bauhaus
Dessau (Hsg.): Industrielles Gartenreich, 1996 und 1999, ex pose
Verlag Berlin
Autor:
Dr. Harald Kegler, Jahrgang 1957, geb. in Aschersleben, Studium
an der Hochschule für Architektur und Bauwesen
(Bauhausuniversität) Weimar, 1983 Abschluss als Dipl.-Ing. für
Stadtplanung, 1986 Promotion über die Herausbildung der
wissenschaftlichen Disziplin Stadtplanung in Deutschland
zwischen 1871 und 1922, kurze Lehrtätigkeit an der Technischen
Hochschule in Cottbus, von 1987 bis 1999 am Bauhaus Dessau,
Leiter der Abteilung Werkstatt (Planungswerkstatt) – hier wurde
das Vorhaben Industrielles Gartenreich sowie der wesentlichen
Einzelprojekte vorgedacht und auf den Weg gebracht, seit 2000
eigenes Planungsbüro (Labor für Regionalplanung) in Lutherstadt
Wittenberg, 1999-2000 Gastprofessur an der Universität Miami,
School of Architecture, gegenwärtig in verschiednen
Planungsprojekten tätig u. a. bei der Weiterentwicklung von
Ferropolis und beim Stadtumbau federführend beschäftigt, Preise:
1998 – Europäischer Preis für Stadt und Regionalplanung
(Planungswerkstatt und Masterplan für Bitterfeld), 2000 –
Zweiter Preis im Bundeswettbewerb „Regionen der Zukunft“
(Industrielles Gartenreich), 2002 – Erster Preis beim
Bundeswettbewerb „Stadtumbau-Ost“ (Stadtumbau-Konzept für
Gräfenhainichen/Ferropolis) |