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Dr. Harald Kegler
Ferropolis - "Die Stadt aus Eisen im Industriellen Gartenreich"
 

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Die Stadt

Ferropolis Woraus entsteht eine neue Stadt? Eine alte Frage, wurden doch seit Jahrtausenden neue Städte gebaut. Aus welchem Material waren sie? Die Antwort war einfach: Aus dem Vorhandenen; die Reichen unter den Stadtgründern konnten es sich leisten, Material von weit her zu holen, exotische Steine und Hölzer; die Ärmeren nahmen das am Ort Vorhandene. Im 20. Jahrhundert schien es keine Frage mehr zu sein, welche Materialien verwendet werden - Stahl und Beton ermöglichten das Bauen überall und in jeder Form. Eine Haltung, die auch nicht ohne Auswirkung auf die Bestrebungen des Bauhauses der 20er Jahre und dessen Nachfolger blieb. Heute, am Ende dieses Jahrhunderts, mehren sich Zweifel an der Gültigkeit dieser "alles-ist-machbar" - Maximen. Der Kern der "Altstadt" von Ferropolis besteht ausschließlich aus örtlich vorhandenem, künstlichem Material - aus Stahl.

Wie entsteht eine neue Stadt? Architekten und Bauleute schaffen die Räume - die eigentliche Stadt aber entsteht durch ihren Gebrauch als Gemeinwesen. Doch zu einer solchen Körperschaft gehört mehr als sechs Jahre des Planens und Bauens. Es genügt nicht, etwas zu bauen und mit Spektakel einzuweihen. Urbanes Leben braucht kulturelle Initiatoren, Phantasten, die im Schrott, Schutt und Leeren neues, städtisches Leben ahnen und dieses selbst erproben. Die ersten Schritte gingen das Bauhaus und die ehemaligen Bergleute. Inzwischen kommen immer häufiger Interessierte aus der näheren und fernen Umgebung, aus dem Ausland - nicht nur als Besucher. Gärtner begannen zu wirken. Ein Magazingebäude wurde zur zeitweiligen Orangerie - ein Name, der inzwischen Eingang in den technischen Begriffsapparat der Bergbauverwalter gefunden hat.

Ein Experiment hat begonnen, um Gewohntes aufzubrechen, ein Zeichen ist im Entstehen, das Fragen und Antwortsuche nach dem Umgang mit dem Erbe der industriellen Gesellschaft provoziert. Ferropolis ist (noch) keine Stadt: Die Unwirtlichkeit unserer realen urbanen und suburbanen Umwelt, unserer fragmentierten Landschaft und der entstandenen "zweiten Natur" bedarf des Wagnisses kraftvoller, auch symbolträchtiger Impulse und langfristiger Konzepte. Die ökonomische Grundlage ganzer Regionen ist weggebrochen bzw. erheblich geschrumpft. Menschen und industrielle Hinterlassenschaften sind überflüssig geworden.

Ferropolis ist so gesehen ein Labor für einen Versuch der Bildung neuer Entwicklungsmodelle an einem Zäsurpunkt der urbanisierten Gesellschaft: Inszenierung von Stadt als gelebte Wirklichkeit. Doch solche Inszenierungen erscheinen nicht nur als Täuschungen, von denen die Vergnügungsindustrie lebt. Sie gehören zum Vorgang einer "Inwertsetzung" von Vergangenem, und sind somit Teil der Kultur einer Gesellschaft. Fantasievolle Anregungen im Umgang mit scheinbar Wertlosem, mit überflüssig gewordenen Gegenständen initiiert eine auch im ökologischen Sinne zu verstehende Wiederverwendungskultur. Die viel beschworenen Nachhaltigkeit muss, will sie überhaupt noch eine Chance haben, auch Lust machen. Hier verläuft der Grat zwischen konsumorientierter Vermarktung und einer Kultur der Reparatur und Aneignung von Verbrauchtem als kreative Neugestaltung von Lebensumwelt. Dies ist das Gegenteil von "Sanierungsfall", von technischer Instandsetzung einer ausgekohlten Landschaft.

Geschichts-"befreite", gestaltarme, fantasielose, nach technischen Standards bereinigte Areale entstehen aus dieser Denkweise, die die Monokultur der industriellen Vernutzung in die Monostruktur einer anthropogenen, sanierten Steppe transportiert, die vor allem einem Kriterium zu genügen hat: technischer Sicherheit, die überdies nicht garantiert werden kann. (Vgl. Ganser, K., 1998, 96) Dem steht Ferropolis entgegen. Fantasie, Ironie und eine werdende, gebaute Realität miteinander verbindend, hilft Ferropolis als lokaler Versuch "zwei der zur Zeit meist gestellten Fragen zu beantworten: Wohin bewegt sich der Strukturwandel dieser Region und wie wird eine nachindustrielle Kulturlandschaft aussehen?" (EXPO-Projektvereinbarung, 1997)

Der Name FERROPOLIS

Während der Präsentation von Ergebnissen des Seminars "Wunden" im Bauhaus 1991 führte einer der Teilnehmer einen "Tanz der Bagger" auf. In langsamen, getragenen Bewegungen formierte er tänzerisch einen Raum, der die "Akropolis" über den "Wunden" in der Landschaft umriss. Diese "Stadt" versprach keine Heilung sondern Andacht und Anregung zu neuer Gestaltung des Ortes. Die Assoziation liegt nahe: Auf einer Anhöhe über der zumeist als "Mondlandschaft" bezeichneten Grube erhebt sich eine Stadt, die einem besonderen Zweck dient, ungewöhnlich in ihrer Formgebung ist und weithin sichtbar erscheint. Die Akropolis von Athen, die Stadt der antiken Götterwelt, erhebt sich über der profanen Stadt der Bürger. Die Analogie scheint vermessen zu sein. Doch nach wie vor wirkt der Urtyp einer europäischen Stadt, die griechische Polis, anregend und herausfordernd für Überlegungen zur Zukunft der urbanisierten oder devastierten Umwelt. Auf den ersten Blick war die Idee, den "Tanzplatz der Giganten" am Grubenrand nicht als Museum in der Landschaft oder als Stahlskulptur aufzufassen, sondern als "Stadt", die Eröffnung einer weitergehenden Dimension von touristischer Attraktion als sie in Freizeitparks gemeinhin angeboten wird. POLIS ist eine soziale Angelegenheit. FERRO steht für das Künstliche, das Material und zugleich auch für das Menschengemachte.

Im Zentrum einer solchen POLIS befand sich ein Forum mit den wichtigsten öffentlichen Bauwerken der Stadt. Diese wären, so die Idee, die Bagger, nutzbar durch Besucher und zeitweilige Bewohner. Doch zugleich sollte Bergbaugeschichte gezeigt werden, verfremdet und offen für neue Nutzungen der Großgeräte. Die Bagger stehen somit auch für irdische "Götter", die dem Fortschritt den Weg ebneten. Jetzt haben sie ihr Werk beendet. Das zur Ruhe gekommene Eisen kündet von der einstigen Botschaft einer lichten Zukunft und von einem verdienten Innehalten, von unbekümmerter Art mit technischen Großgeräten umzugehen, wenn sie nicht mehr gebraucht werden und zu Denkmalen geworden sind. Sie künden auch von wirtschaftlichen Chancen, über eine vielleicht ganz neue Art des Tourismus oder der Gewerbeansiedlung, des Wohnens und der Freizeitgestaltung, neues Leben in der als ausgestorben geltenden Landschaft anzuregen.

Die latainisch-griechische Wortschöpfung war anfangs nur als Arbeitsbegriff für ein mögliches Projekt gedacht. Der Name steht für die Idee und der "richtige" Titel sollte noch erdacht werden. Doch die assoziative Kraft war stärker. Ferropolis verbreitete sich und wurde zum Inbegriff einer neuen Gestaltungshaltung.

In den 10 Jahren der Entwicklung des Projektes durchlief Ferropolis zwei Phasen. Von 1991 bis 1995 wurde das Vorhaben vom Bauhaus erdacht, praktisch initiiert und mit der Bergbaugesellschaft sowie vielen regionalen Partnern und der Landesregierung vorangetrieben. Dies mündete in der Stadtgründung, d.h. dem Aufstellen der Großgeräte am 14. Dezember 1995 mit der Enthüllung des Stadtschildes durch den Wirtschaftsminister Sachsen -Anhalts. Im folgenden wurde Ferropolis, nunmehr unter dem Dach der EXPO 2000 Sachsen-Anhalt GmbH, infrastrukturell erschlossen, ausgebaut und mit einigen großen Veranstaltungen, wie dem Konzert von Mikis Theodorakis im Juli 2000, in der Öffentlichkeit bekannt gemacht. Damit beginnt die Etablierung als kultureller und experimenteller Ort. In dieser Zeit hat bereits eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Werden dieser neuen "Stadt" begonnen. Designer, Bildhauer, Maler, Schauspieler, Musiker und Medienkünstler, aber auch kirchliche Gruppen und Techno-Freaks haben Ferropolis zu ihrem Ort erkoren. Sie sind bekanntlich die "Pioniere" der "Eroberung" von neuem Terrain. Diese Phase wird noch weit über das Jahr 2000 hinausreichen. Die "Nach-EXPO"- Zeit wird zur "Nagelprobe" für die wirtschaftliche Lebensfähigkeit der "jungen Stadt".

Das Fazit

Der Bauhausmeister Lazlo Moholy - Nagy schrieb 1926: "spuren des menschen - in der zerstörungen keimten schon die elemente des neuen."

Der konstruktivistische Künstler postulierte damit einen Gestaltungsgrundsatz, der für den Umgang mit der Industriefolgelandschaft heute Gültigkeit besitzt. Die neue Gestaltung der Umwelt bedarf der Aufnahme des Zertrümmerten und dessen fantasievoller Wiedereingliederung in den menschlichen Alltag:. "Sich auf die Zukunft zu orientieren heißt demnach, für das Gewesene Sorge zu tragen." (B. Brock, 1999)
 

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