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Die Stadt

Woraus entsteht eine neue Stadt? Eine alte Frage, wurden doch seit
Jahrtausenden neue Städte gebaut. Aus welchem Material waren sie? Die
Antwort war einfach: Aus dem Vorhandenen; die Reichen unter den Stadtgründern
konnten es sich leisten, Material von weit her zu holen, exotische Steine
und Hölzer; die Ärmeren nahmen das am Ort Vorhandene. Im 20. Jahrhundert
schien es keine Frage mehr zu sein, welche Materialien verwendet werden -
Stahl und Beton ermöglichten das Bauen überall und in jeder Form.
Eine Haltung, die auch nicht ohne Auswirkung auf die Bestrebungen des
Bauhauses der 20er Jahre und dessen Nachfolger blieb. Heute, am Ende
dieses Jahrhunderts, mehren sich Zweifel an der Gültigkeit dieser
"alles-ist-machbar" - Maximen. Der Kern der "Altstadt" von Ferropolis
besteht ausschließlich aus örtlich vorhandenem, künstlichem Material - aus Stahl.
Wie entsteht eine neue Stadt? Architekten und Bauleute schaffen die Räume - die
eigentliche Stadt aber entsteht durch ihren Gebrauch als Gemeinwesen.
Doch zu einer solchen Körperschaft gehört mehr als sechs Jahre des Planens
und Bauens. Es genügt nicht, etwas zu bauen und mit Spektakel einzuweihen.
Urbanes Leben braucht kulturelle Initiatoren, Phantasten, die im Schrott,
Schutt und Leeren neues, städtisches Leben ahnen und dieses selbst erproben.
Die ersten Schritte gingen das Bauhaus und die ehemaligen Bergleute.
Inzwischen kommen immer häufiger Interessierte aus der näheren und fernen
Umgebung, aus dem Ausland - nicht nur als Besucher. Gärtner begannen zu wirken.
Ein Magazingebäude wurde zur zeitweiligen Orangerie - ein Name, der
inzwischen Eingang in den technischen Begriffsapparat der Bergbauverwalter gefunden hat.
Ein Experiment hat begonnen, um Gewohntes aufzubrechen, ein Zeichen ist im Entstehen,
das Fragen und Antwortsuche nach dem Umgang mit dem Erbe der industriellen
Gesellschaft provoziert. Ferropolis ist (noch) keine Stadt: Die Unwirtlichkeit
unserer realen urbanen und suburbanen Umwelt, unserer fragmentierten Landschaft
und der entstandenen "zweiten Natur" bedarf des Wagnisses kraftvoller, auch
symbolträchtiger Impulse und langfristiger Konzepte. Die ökonomische Grundlage
ganzer Regionen ist weggebrochen bzw. erheblich geschrumpft. Menschen und
industrielle Hinterlassenschaften sind überflüssig geworden.
Ferropolis ist so gesehen ein Labor für einen Versuch der Bildung
neuer Entwicklungsmodelle an einem Zäsurpunkt der urbanisierten Gesellschaft:
Inszenierung von Stadt als gelebte Wirklichkeit. Doch solche Inszenierungen
erscheinen nicht nur als Täuschungen, von denen die Vergnügungsindustrie lebt.
Sie gehören zum Vorgang einer "Inwertsetzung" von Vergangenem, und sind somit
Teil der Kultur einer Gesellschaft. Fantasievolle Anregungen im Umgang mit
scheinbar Wertlosem, mit überflüssig gewordenen Gegenständen initiiert eine
auch im ökologischen Sinne zu verstehende Wiederverwendungskultur. Die viel
beschworenen Nachhaltigkeit muss, will sie überhaupt noch eine Chance haben,
auch Lust machen. Hier verläuft der Grat zwischen konsumorientierter
Vermarktung und einer Kultur der Reparatur und Aneignung von Verbrauchtem
als kreative Neugestaltung von Lebensumwelt. Dies ist das Gegenteil von
"Sanierungsfall", von technischer Instandsetzung einer ausgekohlten Landschaft.
Geschichts-"befreite", gestaltarme, fantasielose, nach technischen Standards
bereinigte Areale entstehen aus dieser Denkweise, die die Monokultur der
industriellen Vernutzung in die Monostruktur einer anthropogenen, sanierten
Steppe transportiert, die vor allem einem Kriterium zu genügen hat:
technischer Sicherheit, die überdies nicht garantiert werden kann.
(Vgl. Ganser, K., 1998, 96) Dem steht Ferropolis entgegen.
Fantasie, Ironie und eine werdende, gebaute Realität miteinander verbindend,
hilft Ferropolis als lokaler Versuch "zwei der zur Zeit meist gestellten
Fragen zu beantworten: Wohin bewegt sich der Strukturwandel dieser Region
und wie wird eine nachindustrielle Kulturlandschaft aussehen?"
(EXPO-Projektvereinbarung, 1997)
Der Name FERROPOLIS
Während der Präsentation von Ergebnissen des Seminars "Wunden" im
Bauhaus 1991 führte einer der Teilnehmer einen "Tanz der Bagger" auf.
In langsamen, getragenen Bewegungen formierte er tänzerisch einen Raum,
der die "Akropolis" über den "Wunden" in der Landschaft umriss. Diese
"Stadt" versprach keine Heilung sondern Andacht und Anregung zu neuer
Gestaltung des Ortes. Die Assoziation liegt nahe: Auf einer Anhöhe über
der zumeist als "Mondlandschaft" bezeichneten Grube erhebt sich eine Stadt,
die einem besonderen Zweck dient, ungewöhnlich in ihrer Formgebung ist
und weithin sichtbar erscheint. Die Akropolis von Athen, die Stadt der
antiken Götterwelt, erhebt sich über der profanen Stadt der Bürger. Die
Analogie scheint vermessen zu sein. Doch nach wie vor wirkt der Urtyp
einer europäischen Stadt, die griechische Polis, anregend und herausfordernd
für Überlegungen zur Zukunft der urbanisierten oder devastierten Umwelt.
Auf den ersten Blick war die Idee, den "Tanzplatz der Giganten" am Grubenrand
nicht als Museum in der Landschaft oder als Stahlskulptur aufzufassen,
sondern als "Stadt", die Eröffnung einer weitergehenden Dimension von
touristischer Attraktion als sie in Freizeitparks gemeinhin angeboten wird.
POLIS ist eine soziale Angelegenheit. FERRO steht für das Künstliche, das
Material und zugleich auch für das Menschengemachte.
Im Zentrum einer solchen POLIS befand sich ein Forum mit den wichtigsten
öffentlichen Bauwerken der Stadt. Diese wären, so die Idee, die Bagger,
nutzbar durch Besucher und zeitweilige Bewohner. Doch zugleich sollte
Bergbaugeschichte gezeigt werden, verfremdet und offen für neue Nutzungen
der Großgeräte. Die Bagger stehen somit auch für irdische "Götter", die
dem Fortschritt den Weg ebneten. Jetzt haben sie ihr Werk beendet. Das
zur Ruhe gekommene Eisen kündet von der einstigen Botschaft einer lichten
Zukunft und von einem verdienten Innehalten, von unbekümmerter Art mit
technischen Großgeräten umzugehen, wenn sie nicht mehr gebraucht werden
und zu Denkmalen geworden sind. Sie künden auch von wirtschaftlichen Chancen,
über eine vielleicht ganz neue Art des Tourismus oder der Gewerbeansiedlung,
des Wohnens und der Freizeitgestaltung, neues Leben in der als ausgestorben
geltenden Landschaft anzuregen.
Die latainisch-griechische Wortschöpfung war anfangs nur als Arbeitsbegriff
für ein mögliches Projekt gedacht. Der Name steht für die Idee und der "richtige"
Titel sollte noch erdacht werden. Doch die assoziative Kraft war stärker.
Ferropolis verbreitete sich und wurde zum Inbegriff einer neuen Gestaltungshaltung.
In den 10 Jahren der Entwicklung des Projektes durchlief Ferropolis zwei Phasen.
Von 1991 bis 1995 wurde das Vorhaben vom Bauhaus erdacht, praktisch initiiert und
mit der Bergbaugesellschaft sowie vielen regionalen Partnern und der Landesregierung
vorangetrieben. Dies mündete in der Stadtgründung, d.h. dem Aufstellen der
Großgeräte am 14. Dezember 1995 mit der Enthüllung des Stadtschildes durch
den Wirtschaftsminister Sachsen -Anhalts. Im folgenden wurde Ferropolis,
nunmehr unter dem Dach der EXPO 2000 Sachsen-Anhalt GmbH, infrastrukturell
erschlossen, ausgebaut und mit einigen großen Veranstaltungen, wie dem Konzert
von Mikis Theodorakis im Juli 2000, in der Öffentlichkeit bekannt gemacht.
Damit beginnt die Etablierung als kultureller und experimenteller Ort.
In dieser Zeit hat bereits eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem
Werden dieser neuen "Stadt" begonnen. Designer, Bildhauer, Maler, Schauspieler,
Musiker und Medienkünstler, aber auch kirchliche Gruppen und Techno-Freaks
haben Ferropolis zu ihrem Ort erkoren. Sie sind bekanntlich die "Pioniere"
der "Eroberung" von neuem Terrain. Diese Phase wird noch weit über das Jahr
2000 hinausreichen. Die "Nach-EXPO"- Zeit wird zur "Nagelprobe" für die
wirtschaftliche Lebensfähigkeit der "jungen Stadt".
Das Fazit
Der Bauhausmeister Lazlo Moholy - Nagy schrieb 1926: "spuren des menschen -
in der zerstörungen keimten schon die elemente des neuen."
Der konstruktivistische Künstler postulierte damit einen Gestaltungsgrundsatz,
der für den Umgang mit der Industriefolgelandschaft heute Gültigkeit besitzt.
Die neue Gestaltung der Umwelt bedarf der Aufnahme des Zertrümmerten und dessen
fantasievoller Wiedereingliederung in den menschlichen Alltag:. "Sich auf die
Zukunft zu orientieren heißt demnach, für das Gewesene Sorge zu tragen."
(B. Brock, 1999)
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